Einträge getaggt mit Markt
Die nach dem Zusammenbruch des “Realsozialismus” gerade auch in der Linken aufgekommene Vorstellung einer kapitalistisch leeren Zone im Osten und einer dortigen “Inwertsetzung” samt “neuen Märkten” usw. beruhte auf der Illusion, dass hier ein gewissermaßen “wertfreier Raum” bereit liege. In Wirklichkeit war dieser Raum aber bloß staatskapitalistisch organisiert und über den Weltmarkt längst in den Prozess der globalen kapitalistischen Wertsubstanz und ihrer Konkurrenzverhältnisse eingebunden (woran die “realsozialistischen” Länder letztlich auch empirisch gescheitert sind). […] Eine solche Illusion war nur möglich, weil man gar keinen Begriff des Kapitals als solchen hatte, sondern nur eine Vorstellung bestimmter historischer Erscheinungsformen, wobei der Kapitalismus der westlichen Zentren mit der kapitalistischen Produktionsweise überhaupt gleichgesetzt wurde.
Robert Kurz: Geld ohne Wert. S. 288 f.
Was nicht mehr funktioniert, ist die „Schnittstelle“, die zwischen dem Menschen und seinen Produkten liegt: das Geld. In der Moderne ist Geld zur „allgemeinen Vermittlung“ (Marx) geworden. Die gegenwärtige Krise konfrontiert uns mit dem Paradoxon im Kern der kapitalistischen Gesellschaft. Es besteht darin, dass die Produktion von Gütern und Dienstleistungen ihren Zweck nicht in sich selbst hat, sondern vielmehr ein bloßes Mittel ist. Das alleinige Ziel ist die Anhäufung von Geld - die Investition von einem Euro oder Dollar, um zwei zu bekommen. Im Ergebnis kann die „reale“ Produktion in ihrer Gesamtheit davon betroffen sein und zum Stillstand kommen, sollte dieser Mechanismus zusammenbrechen. Wie Tantalus in der griechischen Sage würden wir dann gequält von den Reichtümern, die wir sehen können, die aber außerhalb unserer Reichweite liegen, weil wir nicht in der Lage sind, sie zu bezahlen. Dieser erzwungene Verzicht ist immer das Schicksal der Armen gewesen, doch in nie dagewesener Weise scheint es jetzt fast die gesamte Gesellschaft zu betreffen. Das letzte Wort des Marktes ist, uns verhungern zu lassen inmitten von Bergen verrottender Lebensmittel, die niemand berühren darf.
aus Anselm Jappe: Ist Geld obsolet geworden? via
Das Bild des Jahres 2008 zeigt einen Polizisten, der mit gezogener Waffe eine zu räumende Wohnung durchschreitet. Durch die Immobilienkrise konnten viele Wohnungsbesitzer*Innen die Raten an die Bank nicht mehr zahlen – und dann kam die Polizei. Aber was ist mit den Menschen geschehen, die noch kurz zuvor diese Wohnung als ihr zu Hause bezeichnen konnten? Viele der Betroffenen konnten kurzfristig bei Freund*Innen und Verwandten unterschlüpfen. Nicht wenige von ihnen landeten jedoch früher oder später in einer der riesigen Zeltstädte, die an den Rändern vieler US-Städte für einige Zeit neben der Staatsverschuldung das einzige waren, was noch ein veritables Wachstums aufweisen konnte. Während die Wohnungen ungenutzt leerstehen, sind ihre ehemaligen Bewohner*Innen hier ungeschützt den neugierigen Blicken von Passant*Innen, Journalist*Innen, wie dem Ordnungswahn des örtlichen Polizeidepartements ausgesetzt.

Dass die Menschen nicht mehr ihre bisherigen Wohnungen bewohnen dürfen und diese nun ungenutzt vermodern, liegt nicht an ihrer mangelnden Nützlichkeit. Sie stehen leer, weil es im Kapitalismus nur bedingt darauf ankommt, dass Dinge nützlich sind und benutzt werden. Als fundamentales Problem entpuppt sich vielmehr die Vermittlung von Wohnungsbedürfnis und Wohnung. Nur wenn hinter dem Wunsch zu wohnen auch eine zahlungskräftige Nachfrage steht, wird – wirtschaftswissenschaftlich gesprochen – aus dem Bedürfnis ein Bedarf. Und nur der taucht am Markt auf und nur der ist relevant für die Ökonomie. Nachdem noch jedes Einführungswerk in die Volkswirtschaftslehre zunächst stolz verkündet, in der Wirtschaft ginge es darum, Menschen mit notwendigen Gütern zu versorgen, wird diese Annahme bereits ein paar Zeilen später dahingehend relativiert, dass es eben doch nicht um nutzbare Dinge, sondern um bezahlbare Waren geht.
Julian Bierwirth: Das Nadelöhr.
Anders als in anderen Sozialwissenschaften wird die begrenzte Aussagekraft nicht konzediert, sie wird nicht einmal mehr erkannt. Die herrschende Volkswirtschaftslehre ist eigentlich eine bloß noch mathematische Disziplin, sie erstellt mathematische Modelle, die man real nie nachbauen könnte und die trotzdem verwendet werden, um auf deren Grundlage Berechnungen anzustellen und komplexe ökonomische Vorgänge auf wenige Zahlen zu reduzieren. Auch dort wird versucht, das Reale mit dem Unmöglichen zu beschreiben. Im Prinzip ist das derselbe Vorgang, nur kann man die Ableitungen aus Annahmen des mathematischen Modells, das ja nichts anderes ist als ein fiktiver Idealzustand, nicht im Experiment mit der Wirklichkeit verbinden, so, wie es die Naturwissenschaften können. Schon aus diesem Grund ist es legitim zu bezweifeln, dass man in der Volkswirtschaft überhaupt Mathematik einsetzen darf. Dazu kommt, dass ökonomische Prozesse letztlich von Menschen gemacht werden und nie naturgesetzlich ablaufen. Menschen haben immer Entscheidungsfreiheit. In den Naturwissenschaften ist es möglich, von Gesetzmäßigkeiten auszugehen und Prozesse eindeutig determinierbar zu beschreiben, wenn ich ihre Bedingungen kenne. Sobald der Mensch ins Spiel kommt, ist das anders, erst recht, wenn sein Verhalten im komplexen gesellschaftlichen Raum betrachtet wird. Geschichte wird gemacht. Sie ist kein Naturprozess, der einfach so abläuft. Die neoklassische Lehre blendet das aus und kommt zu absurden Ergebnissen. […] Das geschieht etwa dadurch, dass die per se anzweifelbare mathematische Methode innerhalb der Volkswirtschaftslehre auch noch falsch angewandt wird. Die neoklassische Lehre vom Markt etwa wird fälschlicherweise vom Gütermarkt auf andere Märkte übertragen. Der Gütermarkt wird über Angebot und Nachfrage beschrieben. Angebot ist eine monoton wachsende Funktion des Preises und Nachfrage eine monoton fallende Funktion des Preises. Diese beiden Linien kreuzen sich irgendwo, und da entsteht das Gleichgewicht, auf das sich der Markt einstellt. Der Anschaulichkeit halber wird das mit dem berühmten Bild eines Marktplatzes beschrieben, auf dem sich Anbieter und Nachfrager treffen und die Preise aushandeln. So fangen alle VWL-Lehrbücher an, die sich kreuzenden Linien der Funktionen aus Angebot und Nachfrage bilden das sogenannte Marshall-Kreuz, das jeder VWL-Student kennt. Und dann der Fehler: Dieses Modell wird auf Teufel komm raus auf alle möglichen Situationen angewandt, etwa den Arbeitsmarkt.
Claus Peter Ortlieb: Die Welt läßt sich nicht berechnen. In: brand eins 11/2011 - Schwerpunkt: Rechnen
@schmecksblog folgen